Standpunkte


Hier finden Sie Statements aus unserer Gruppe, die zu verschiedenen Themen der Psychotherapie oder zu Überschneidungspunkten mit anderen Disziplinen, Bezug nehmen. Die Autoren sind natürlich jeweils selbst für den Inhalt verantwortlich und freuen sich über Rückmeldungen.

Beitrag von Christoph Haberl (9/2007)

 

Die Bedeutung der Österreichischen Gebärdensprache für die kindliche Entwicklung bei Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit

 

Da ich selbst die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) in ihren Grundzügen kennen gelernt habe, bin ich der Meinung, daß Grundlagen davon besonders in vielen Berufsumfeldern äußerst hilfreich sind. Auf einige werde ich hier eingehen.

ÖGS ist eine Sprache mit voller Grammatik und bietet Ausdrucksmöglichkeiten vom einfachen bis zu einem akademischen Niveau. Für gehörlose, aber auch für gehör-beeinträchtigte Menschen ist sie daher nicht nur ein Hilfsmittel für gleichberechtigte Information und Bildung, sondern - nach meinen Erfahrungen - fast immer die einzige Chance, die Bildungsbarriere für Gehörlose und Schwerhörige zu überwinden. Diese Barriere entsteht ja durch die fehlende oder eingeschränkte gemeinsame Sprache zwischen Kind und Eltern (bzw. Kindergarten/ Schule/ Umfeld). Das Schöne bei der ÖGS: eigene Anstrengungen und das Engagement des Umfelds werden mit raschen Kommunikationserfolgen vergolten.

Pädagogik:
Leider beraten in pädagogischen Kontexten (Frühförderung, Kindergärten, Schulen) immer noch oft Personen über die Entwicklung der Sprach- (und damit zusammenhängend der Persönlichkeits- und Intellekt-)entwicklung, die ÖGS nicht einmal in Grundzügen kennen. Eine Grundausbildung wäre m.E. für pädagogische Berufe obligatorisch zu machen (1 Semester-Wochenstunde  würde ausreichen). Dann könnte bei Bedarf eine Weiterqualifizierung jener Personen, die diese Sprache weiterhin nutzen wollen, viel leichter und rascher erfolgen.  Im Übrigen könnte ÖGS  dabei gleichzeitig als Beispiel für die Förderung der Symbolisierungs-Fähigkeit von (allen) Kindern herangezogen werden, eine Fähigkeit, die für die intellektuelle und emotionale Entwicklung ein (derzeit ziemlich versteckter) Schlüssel ist.

Medizin: Mit Freude habe ich gehört, daß in der Ausbildung der
MedizinstudentInnen in Wien eine grundlegende Information über

Gehörlosigkeit und Hörbehinderungen unter Berücksichtigung der Möglichkeiten von ÖGS eingerichtet wird, sodaß zu hoffen ist, daß auch die zukünftige Ärzteschaft hell-"höriger" auf dieses Thema sein wird und Betroffene aus vielen Möglichkeiten wählen können.

Brauchen die betroffenen Kinder Psychotherapie? Bei psychotherapie-indizierenden Schwierigeiten der Kinder scheint mir folgender Grundsatz wichtig zu sein: Das erste Ziel muß es sein, Kindern die ihnen adäquate Kommunikations-Möglichkeit zu geben. Erst dann ist die Indikation auf Psychotherapie der nächste Schritt. Was die Kommunikationsmöglichkeiten betrifft:  dazu gehören Hörgeräte und eine adäquate Sprache in einem möglichst frühen, entwicklungspsychologisch relevanten Stadium. Die Denkentwicklung braucht von den ersten Monaten an die Sprache, bei Bedarf also die Gebärdensprache. Hörgeräte und Implantate können in Folge hinzukommen, ihretwegen darf aber nicht die Sprache in den ersten entscheidenden Jahren vernachlässigt werden. Das Ziel muß die Sprachentwicklung sein und darf nicht auf „das Ziel ist die Laut-Sprache“ eingeschränkt werden, das – wie die Praxis zeigt – nicht nur allzu oft verfehlt wird, sondern das die Persönlichkeits-Entwicklung leider oft vernachlässigt.

Der Wunsch der Eltern, Kinder zu haben, die die gleiche Sprache wie sie sprechen ist nachvollziehbar. Tatsache ist aber, dass gehörlose Kinder, die Gebärdensprache (als visuelle Sprache die einzig mögliche Muttersprache) lernen, besser Deutsch lernen und somit mehr Bildungschancen haben. Von Wahlfreiheit von Eltern für ihre Kinder halte ich dann nichts, wenn
Bildungsrückstände und Erschwernisse für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes in Kauf genommen werden, nur weil die Gebärdensprache aus Sprachminderheits-Beweggründen abgelehnt wird. Es ist ethisch nicht vertretbar, diese Erfahrungen wissenschaftlich so einzufordern, daß Defizite schwerhöriger Kinder (und damit ihre Familien) quasi vorgeführt werden: es sind einfach zahlreiche Erfahrungen vorhanden, die für ein verstärktes Augenmerk auf die ÖGS sprechen.

Der NÖ-Landesverband für Psychotherapie NOELP bietet eineFortbildung für psychosoziale Berufe an (Telefon 02235/429 65).

Für Rückfragen und Anregungen stehe ich gerne tel. oder per Mail zur Verfügung. Dies besonders deshalb, weil es sich um ein sehr vielfältiges Thema handelt, das nur schwer in – der hier notwendigen – Kürze dargestellt werden kann.

Links:
www.kinderhaende.at (incl Plattform Integration und Gebärdensprache, Info-Veranstaltungen in Wien und Wiener     Neustadt, Infos zu konkreten Integrationsmaßnahmen)
www.oeglb.at (Österr. Gehörlosen-Bund)
www.witaf.at (Schnupperkurse in ÖGS und anderes mehr)

Filmtipp: Nguyen Martin, Ich muß Dir was sagen. (Entwicklungsgeschichte zweier Wiener Zwillings-Brüder)

Mag. Christoph Haberl

Psychotherapeut
Dipl.  Sonder- und Heilpädagoge
(gebärdensprach-kompetent in den Grundkenntnissen)
Kornblumengasse 41

2630 Ternitz  02630-33 115

Kontakt: haberlchristoph@gmx.net

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